Page 69 - MOHR Stadtillu - Ausgabe 251
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      Würde eine eingefrorene Front nicht das Ende dieses Wahnsinns bedeuten? Rodion schüttelt den Kopf. „Die Russen könnten dann ungestört weiter aufrüsten. Sie stellen ihre ganze Wirt- schaft in den Kriegsmodus um. Der große An- griff würde in einigen Jahren kommen. Er wür- de dann nicht nur der Ukraine gelten“, ist sich der 29-Jährige sicher. Vor diesem Szenario war- nen auch zahlreiche Beobachter. Dass Russland seine Aufrüstung umfassend und mit großen Tempo vorantreibt, ist belegt. Der neue EU-Ver- teidigungskommissar Andrius Kubilius warnt davor, dass Russland Panzer produziert, die be- reits eingelagert werden. Europa sei nicht ge- gen einen russischen Angriff gerüstet, befürch- tet er.
Seit Monaten bahnt sich die russische Armee brachial und ohne Rücksicht auf eigene Verlus- te und Zerstörung ihren Weg Richtung Po- krowsk. Mittlerweile stehen die Invasoren weni- ge Kilometer vor der Stadt. Beobachter rechnen, dass Pokrowsk fallen wird. Rodion und seine Ka- meraden feuern aus allen Rohren, um das zu verhindern. In den vergangenen Wochen ha- ben die russischen Truppen ihre Angriffe weiter intensiviert.
„Das kann durchaus ein Zeichen sein, dass sie vor dem möglichen Einfrieren der Front um je- den Preis noch Gelände gut machen wollen. Po- krowsk wollen sie unbedingt einnehmen. Es ebnet ihnen den Weg für einen späteren Vor- marsch Richtung Dnipro“, erklärt er. 165 Kilo- meter sind es dann noch bis zu der wichtigen Industrie- und Finanzmetropole.
„Aber noch ist es nicht so weit, wir kämpfen“, er- klärt Rodion. Er zeigt sich enttäuscht von der Un- terstützung aus dem Westen. „Bis jetzt haben wir immer gerade so viel bekommen, dass wir uns gerade noch halten konnten. So hatten wir nie eine echte Chance“, sagt er. Die Daten des Ukrainischen Verteidigungsministeriums sind alarmierend für die Verteidiger. Allein im Monat November eroberten russische Truppen 702,1 Quadratkilometer ukrainischen Bodens. Das ist das Fünffache von der Fläche, die russische Truppen im ganzen Jahr 2023 besetzen konn- ten. Im Januar 2024 waren es beispielsweise noch ganze 31,1 Quadratkilometer Fläche.
Für Oleg sind das nicht nur Zahlen. Er kämpft an der Toretzk-Front. Die zerstörte Stadt liegt na- he: ein verlassenes Trümmerfeld. Der 30-Jähri- ge kämpft in einer Einheit, die sich aus Polizei-
beamten zusammensetzt. Jeder von ihnen hat sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. „Sechs waren es in meiner Abteilung, einer ist gefallen“, erklärt der junge Mann. „Früher bin ich viel Streife gefahren. Als ich mich gemeldet habe, drohte mir meine Frau mit der Schei- dung“, sagt der Vater einer vierjährigen Tochter mit einem leichten Lachen. Dann wird er ernst. „Ich habe in Bachmut als Infanterist gekämpft. Es war hart. Stück für Stück haben die Russen die Stadt mit der Artillerie zerstört“, berichtet der Kämpfer.
Seine Familie fehlt ihm. Auf dem Smartphone hat er einen kleinen Clip vom September. Er kommt mit einem riesigen Blumenbouquet zum Fronturlaub nach Hause. Seine kleine Toch- ter stürmt ihm entgegen, der Vater kniet sich, damit sein Kind ihm um den Hals fallen kann. „Das hat meine Frau gefilmt“, sagt der Familien- vater stolz.
Beim „Einfrieren“ der Front könnte er vielleicht zu seiner Familie zurückkehren, zumindest mehr als nur zwei Wochen pro Halbjahr Frontur- laub bekommen. „Zu 30 Prozent klingt das gut für mich, zu 70 Prozent weiß ich, dass es wenig bringen wird. Es gibt den Russen nur Zeit. Putin will ein großes Imperium“, auch er ist sich da si- cher.
Russland garantierte einst zusammen mit den USA und Großbritannien die Unverletzbarkeit der ukrainischen Grenzen. Im Gegenzug über- gab die Ukraine 1994 ihr gesamtes nukleares Waffenarsenal im Rahmen des Budapester Me- morandums an Russland. Die Ukraine war zu diesem Zeitpunkt die drittgrößte Atommacht der Welt. 2014 besetzten russische Truppen die Krim und trugen den Krieg in den Donbas.
Auf Putins Wort, da ist sich das Gros der Men- schen in der Ukraine sicher, ist kein Verlass. Was in den von Russland besetzten Gebieten pas- siert, ist den Menschen bewusst. Augenzeugen und Menschenrechtsorganisationen berichten von systematischer Folter, tausenden Vermiss- ten, Tötungen und Willkür. Wer sich in den be- setzten Gebieten weigert, einen russischen Pass anzunehmen, dem droht 2025 der Verlust von Hab und Gut. Der Zugsang zu Einrichtungen für Gesundheit und Bildung ist bereits erschwert.
Putins Russland steht in der Ukraine für Rechtlo- sigkeit und Diktatur. Verträge seien für den rus- sischen Diktator nichtig, sobald sie ihm nicht
mehr nutzen. Da sind sich die Kommentatoren der ukrainischen Medien weitgehend einig. „Das Einfrieren der Front klappte schon zwi- schen 2014 und 2022 nicht“, erinnert Oleg.
Aber Trumps Forderungen sind klar. Er will als US-Präsident die Frontlinie einfrieren. Ein eini- ges Europa könnte das Ausfallen der amerikani- sche Unterstützung mit einem mächtigen Kraft- akt kompensieren. Die gesamte Wirtschaftsleis- tung Russlands ist geringer als die von Kalifor- nien. Doch der Rückhalt in Europa und auch in Deutschland bröckelt. Dessen sind sich die Menschen in der Ukraine allzu sehr bewusst. Die Wahlerfolge von AfD und Wagenknecht
und rechtsextremer Putin-naher Parteien in ganz Europa sind Schocknachrichten für das kriegsgebeutelte Land.
Oleg streichelt im Erdbunker Kater Maron über das Fell. „Er hat uns von einer Mäuseplage im Bunker erlöst“, sagt der Kämpfer. „Wir können jetzt nur eines tun. Kämpfen und halten. Es wäre gut, wenn wir dafür endlich wenigstens immer ausreichend Munition hätten.“ Dann rauscht der Einsatzbefehl mit den Koordinaten durch das Funkgerät. Wenige Minuten später feuert die Haubitze. Die russischen Verbände starten wieder einen Angriff.
  Oben: Soldaten feuern eine Haubitze an der Torezk-Front ab. Unten: Soldat Oleg im Bunker mit Kater Maron.
 Der Autor:
Den Krieg im Osten der Ukraine dokumentiert der (Foto-)Journalist Till Mayer (www.tillmayer.de) schon seit 2017. Seit dem Beginn der Full-Scale-Invasion im Februar 2022 berichtet der regelmäßig über die Folgen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Für seine Fotos und Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Im ibidem-Verlag ist jüngst sein Reportagenband "Europas Front - Krieg in der Ukraine" erschienen.
    TEXT UND FOTOS VON TILL MAYER
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