Page 68 - MOHR Stadtillu - Ausgabe 251
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FOTOREPORTAGE AUS DER UKRAINE
       WETTLAUF MIT DER ZEIT IM DONNERHALL
DIE RUSSISCHE ARMEE STÜRMT MIT VOLLER WUCHT IM DONBAS. FALLS DIE FRONT EINGEFROREN WIRD, WOLLEN SIE NOCH GEWINNE MACHEN. DIE SOLDATEN RODION UND OLEG HALTEN MIT IHREN KAMERADEN DAGEGEN. AUS GUTEN GRÜNDEN.
Rodion ist 29 Jahre alt und befehligt drei Ge- schütze. Das 125 Millimeter Geschütz und zwei weitere aus italienischer Produktion mit 82 Mil- limeter Granaten. „Die 82-er nutzen wir gar nicht. Ihre Sprengkraft ist zu gering. Damit durchschlagen wir kein Dach, unter dem sich russische Soldaten verstecken. Sie sind wertlos für diesen Kampf“, sagt er. Es geht hier um viel an der Pokrowsk-Front. Fällt die Stadt, gerät ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in russische Hände. Und eine Kohle-Mine, die für die Stahl- produktion wichtig ist. Stahl wiederum braucht der Krieg.
Rodion hat früher als Bauarbeiter in Polen und Deutschland Häuser gebaut. Jetzt sieht er voller Wut zu, wie die russischen Angriffe Dörfer und Städte ausradieren. Pokrowsk ist gerade dabei, das zweite Bachmut zu werden, eine zerstörte Stadt.
Pokwrowsk-Front Es muss schnell gehen. So we- nig wie möglich Zeit außerhalb der Deckung auf- halten. Russische Kamikaze-Drohnen bringen schnell den Tod, bei Aufklärungsdrohnen kommt er mit Verzögerung. Alles läuft wie ein Uhrwerk. Per Funk werden die Zielkoordinaten von der Feu- erleitstelle durchgegeben. Sie gehen an den Bat- terie-Kommandanten in einem zum Bunker um- gebauten Gemüsekeller. Zwei Soldaten laufen mit schnellen Schritten zum Mörser-Geschütz. 120 Millimeter, ukrainische Produktion. Ein Sol- dat eilt zum Munitionsbunker, ein weiß gestriche- ner Geräteschuppen. Er macht die Granaten scharf. Derweil nehmen die beiden anderen Tarn- netze und Zweige ab, die das Geschütz für russi- sche Drohnen aus der Luft unsichtbar machen sol- len.
Mit dem Zielgerät werden die Koordinaten einge- stellt. Derweil wird die Granate geholt. Der Soldat lässt sie vorsichtig in das Geschützrohr gleiten, geht hinter einem Bretterverschlag in Deckung. Dann zündet der dritte von ihnen per Fernbedie- nung die Granate. Ein mächtiger Knall, das Rohr speit das Geschoss in einer Feuerwolke aus. Das Spiel wiederholt sich. Neue Koordinaten kom- men per Funk, um nachzubessern. Die Zielkoordi- naten liefern in der Regel Drohnen oder die Infan- terie im Gefecht.
Drei Schüsse gibt das Trio ab. Dann verschwinden die Soldaten schnell in einem aufgelassenen Haus. Die Bewohner des nahen Dorfs sind längst geflohen. Aber über den verlassenen Häusern herrscht keine Stille. Stattdessen lärmt der Krieg.
Keine zwei Kilometer entfernt startet die russische Infanterie einen Angriff. Ihnen gelten die Grana- ten des Mörsers. Ziele sind meist russische Stoß- trupps.
Fast ununterbrochen ist das dumpfe Hämmern der Artillerie zu hören. Scharf und krachend, wenn die Ukrainer in der Nähe abfeuern. Dumpf die Schüsse, die von russischer Seite kommen. Eine Granate zischt über die Stellung. Der Einschlag ist zu weit entfernt, als dass sie sich stören lassen. Wenige Minuten später kommt der nächste Ein- satzbefehl und ein neues Ziel. Das gleiche Proze- dere beginnt von vorne. Bis zu 40 Granaten schießt das Geschütz täglich in den Himmel. Im Dämmerlicht des Gemüsekellers sitzt der Com- mander dank Starlink mit Internet-Verbindung.
  Rodion (li.) kommandiert eine Mörser-Stellung an der Pokrowsk-Front. Von einem möglichen Einfrieren der Front hält er wenig. Er fordert, dass endlich ausreichend Waffen
und Munition geliefert werden.
Ein Soldat mit der Munition für das 120 Millimeter-Mörser-Geschütz. An diesem Tag ist es im Dauer-Einsatz.
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- STADTILLU FÜR COBURG, LICHTENFELS & KRONACH




















































































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