Mit seinem Erstlingswerk "Meine Welt Deine Welt" versucht sich der Coburger Jochen C. Seitz erstmals als Autor und erlebt dabei spannende Erfahrungen. In einem lockeren Gespräch erklärte uns der Autor, was es mit seinen "Geschichten zum Nachdenken" auf sich hat.
Mit seinen Märchen für Erwachsene, „Geschichten zum Nachdenken“ gelingt dem Autor ein außergewöhnliches Werk: Er schreibt nicht über die Welt, wie sie ist, sondern über das, was sie sein könnte. In klarer, kraftvoller Sprache erschafft er Erzählungen, die berühren, beunruhigen und bewegen. Ob es um eine Kuh geht, die langsam zerbricht, ein Dorf, das seine Erinnerung verliert, oder Kinder, die das Schweigen der Erwachsenen durchbrechen, jede Geschichte ist ein Gleichnis. Und zugleich eine Einladung: zur Reflexion, zum Dialog und zum behutsamen Hinterfragen der eigenen Haltung. Der Autor nimmt seine Leser ernst ohne moralischen Zeigefinger, dafür mit erzählerischer Tiefe und einem feinen Gespür für Zwischentöne.
Seine Märchen sind keine Fluchten aus der Realität, sondern tastende Annäherungen an ihre verborgenen Wahrheiten. Sie erzählen vom Verlust des Mitgefühls, von der Kraft des Aufbegehrens und von der leisen Hoffnung, dass Wandel möglich ist. Besonders hervorzuheben ist die poetische Dichte dieser Texte, die lange nachhallen. Sie eignen sich nicht nur zur persönlichen Lektüre, sondern auch für gemeinsame Lesekreise, für den Unterricht, die therapeutische Praxis oder schlicht für jene stillen Stunden, in denen man der Welt ein wenig näherkommen will. Ein berührendes, kluges Buch über das, was uns zu Menschen macht – und über die zarte Möglichkeit, neu zu fühlen, neu zu denken und neu zu handeln.
Mohr: Hallo Herr Seitz, Sie nennen die tiefgründigen Geschichten Ihres Buches auch "Märchen für Erwachsene". Ein Fantasyroman ist es wohl aber nicht...
Jochen C. Seitz: Das stimmt. Tatsächlich sind es einzelne Kurzgeschichten, kein Roman. Und die Geschichten sehe ich nicht als Fantasy, sondern als Spiegel der Möglichkeiten, als Gleichnisse. Sie spielen zwar mit Symbolen, Figuren und einer eigenen Logik, doch ihr Kern liegt in der Reflexion unserer Welt, nicht in einer anderen. Die Märchenform erlaubt mir, Themen zu behandeln, die im direkten Realismus vielleicht zu schwer oder sperrig wären.
Mohr: Welchen Zweck verfolgen Ihre Erzählungen?
Jochen C. Seitz: Mit meinen Geschichten möchte ich zum Nachdenken anregen. Ich möchte Menschen berühren und sie vorsichtig herausfordern, ihre eigenen Haltungen zu hinterfragen. Es geht darum, Empathie zu fördern, die Wahrnehmung zu schärfen und die leise Hoffnung auf Wandel erfahrbar zu machen.
Mohr: Wie erreichen Sie dieses Ziel?
Jochen C. Seitz: Mit meinen Texten versuche ich, die Menschen dort abzuholen, wo sie gerade sind. Meine Geschichten sollen sowohl berühren als auch beunruhigen. Die Leserinnen und Leser sollen sich selbst wiederfinden können. Ich erlebe immer wieder, dass mich Menschen ansprechen und sich - oder eine Situation in ihrem Leben - in der einen oder anderen Geschichte wiedererkennen.
Mohr: Welche Lehren können Menschen aus Ihren Fabeln ziehen?
Jochen C. Seitz: Das bleibt jedem selbst überlassen. Auf keinen Fall möchte ich jemanden anderen sagen, was er denken soll. Ich habe bei meinen Kindern - für die ich die Geschichten ursprünglich geschrieben habe - gelernt, dass ein "das musst du so machen" nichts bewirkt. Man muss selbst auf seine eigene Lösung kommen.
Mohr: Wie lassen sich diese Erkenntnisse im Alltag umsetzen?
Jochen C. Seitz: Indem wir bewusst hinschauen und nicht alles glauben, was man uns sagt. Ich stelle sogar die eigenen Gedanken in Frage. Oft reicht es, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen (vgl. 'Im Lauf meiner Überzeugung'), im eigenen Umfeld Verantwortung zu übernehmen (vgl. 'Zwei Inseln'), Empathie zu zeigen oder auch nur innezuhalten und wahrzunehmen, was um uns geschieht.
Mohr: Die Zeitenwende, die wir gerade erleben, ist schwer zu begreifen. Wir denken, dass vor diesem Hintergrund konkrete Tips für viele Leute hilfreich wären...
Jochen C. Seitz: So sind wir erzogen. Irgendeiner wird schon wissen, was zu tun ist. Aber sind wir alle nicht gefangen im gleichen Denken, geprägt von unserer Vergangenheit und unserer Umwelt? Meine Texte geben keine direkten Ratschläge im klassischen Sinn, sondern Werkzeuge zum Denken.
Sie schaffen Räume, in denen man reflektieren kann, welche Werte und Handlungen wirklich wichtig sind.
In turbulenten Zeiten geht es nicht um schnelle Lösungen, sondern um Orientierung, Bewusstsein und die Möglichkeit, Verantwortung für die eigene Rolle in der Welt zu übernehmen. In meinem Podcast sage ich: "Lassen Sie Ihren Gedanken freien Lauf! Aber Achtung, einer der Gedanken könnte über's Ziel hinaus schießen." Und genau das ist es, was wir brauchen.
Mohr: jedoch führen Sie die Leser mit einer Art Gebrauchsanleitung durch Ihr Buch...
Jochen C. Seitz: Ja, bewusst. Mein Buch ist etwas anders - zumindest kenne ich so einen Aufbau nicht. Ein Fragenkatalog am Ende zu jeder Geschichte lädt dazu ein, über das Gelesene nachzudenken, Parallelen zum eigenen Leben zu ziehen und die eigene Haltung zu prüfen. Er soll den Reflexionsprozess unterstützen, nicht vorschreiben, wie jemand zu denken hat. Ich fordere den Leser auf, das Buch nicht von vorne nach hinten zu lesen, sodern lade ihn ein, es kreuz und quer zu bearbeiten.
Mohr: Illustrationen helfen der Fantasie auf die Sprünge...
Jochen C. Seitz: Die Tuschezeichnungen mit dem Thema 'Grenzen' sind tatsächlich schon vor dem Buch entstanden. Ich habe dann aber gesehen, wie perfekt sie zu meinen Geschichten passen, in denen es immer wieder um die eigenen Grenzen geht - die Grenzen der Wahrnehmung, des Verstehens, der Emotionen, etc.
Mohr: und ein Fragenkatalog zeigt mögliche Ansätze auf.
Jochen C. Seitz: Genau. Die Fragen und Gedanken zu den Geschichten am Ende des Buches sind ein sanfter Leitfaden, um die Reflexion zu vertiefen, Fragen zu stellen und ins Gespräch zu kommen – mit sich selbst oder mit anderen.
Mohr: Bisher waren Sie nicht als Schriftsteller tätig.
Jochen C. Seitz: Das stimmt. Ich habe vorher in anderen Bereichen gearbeitet, doch das Schreiben war immer eine innere Notwendigkeit, ein Ausdrucksmittel. Es war nur eine Frage der Zeit, bis diese Geschichten sich den Weg nach außen suchten.
Mohr: Was bewegte Sie dazu?
Jochen C. Seitz: Bisher war mein Ausdrucksmittel vor allem die Malerei. Das Schreiben hatte ich mir nie zugetraut, denn in der Schule – vor langer Zeit – war ich ein eher mäßiger Deutschschüler. Aus dieser „Schublade“ habe ich mich lange nicht herausgetraut.
Erst als mich meine Kinder ermutigten, die Geschichten, die ich für sie als eine Art „Sammlung meiner Erfahrungen“ geschrieben hatte, zu veröffentlichen, fasste ich den Mut, sie wirklich zu teilen. Das verdeutlicht, welch große Verantwortung Lehrerinnen und Lehrer (aller Fächer) tragen. Für die nachfolgenden Generationen wünsche ich mir eine Gesellschaft, in der die Begleiter der Kinder die Talente jedes Einzelnen erkennen und fördern, anstatt ihnen einen intellektuellen Topschnitt zu verpassen (vgl. 'Das Talent'). Es erinnert mich an ein Bild, das kürzlich meine Tochter verbal gemalt hat:
Ein Löwe, ein Krokodil und ein Elefant stehen vor einem Baum, und eine Stimme aus dem Off befiehlt ihnen: „Hochklettern.“
Das Buch Jochen C. Seitz
„Meine Welt Deine Welt, Geschichten
zum Nachdenken“, von Stromberg Verlag
ISBN: 978-3-00-083434-9
Bei einer Autorenlesung am 20. März im Bürgerhaus Döres-Esbach stellt der Autor sein Buch persönlich vor.